Sorry, your browser does not support JavaScript! D18 »Ein altes Haus verwandelt sich«
Text: Robert Ketterer (Architekt, München) www.rkarc.com, Fotografien: Sascha Kletzsch
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Ein altes Haus in München. In einem der schönsten Straßenzüge, mitten im Herzen der Stadt steht es da, unscheinbar, unbewohnt, unberührt. Im Inneren: düstere Räume, verbranntes Holz, bröckelnder Putz, eingefrorene Zeit. Ein paar Vorhänge und Tapeten, ein alter Heizkörper, einige Glühbirnen leuchten noch. Kaum zu glauben, dass dieses Relikt aus einem der letzten Jahrhunderte noch existiert und nicht längst abgerissen wurde um einem Neubau Platz zu machen, wie so oft in München.
Wären da nicht die Spuren seiner Bewohner, alte Feuerstellen, Rohre, Kabel, durchgetretene Holzstufen, notdürftig gekittete Verglasungen, im Speicher ein Sack mit hölzernen Wäscheklammern, im Keller ein eisernes Weinregal, man würde meinen, das ist ein Museum oder eine Kulisse für einen Thriller. Stattdessen begegnet man hier Geschichte auf jedem halben Schritt.
Hier wurde gewohnt, gearbeitet, gelebt, geboren, gestorben. Dass man dieses Haus in der Damenstiftstraße 18 wiederbeleben wird, ist Zufall, Chance und Herausforderung zugleich. Man begegnet der Aufgabe mit Demut und Achtsamkeit

»Stille Auskünfte von Wand und Putz« Buch 1




Das Grundstück wurde vermutlich im Zuge der zweiten Stadterweiterung ab 1337 bebaut, als der alte, enge Mauerring durch einen erweiterten ersetzt wurde. Und in der Tat weist der Denkmalschutzbefund nach, dass bis ins zweite Obergeschoss noch heute Bausubstanz aus dem 16. Jahrhundert vorhanden ist. Das damalige Gebäude, ein zweigeschossiger Bau mit steilem, dreigeschossigem Dach, ist im Sandtnerschen Stadtmodell von 1572 bereits dargestellt.
Die Eigentümer der Damenstiftstraße 18 lassen sich anhand der Grundbücher bis ins Jahr 1480 lückenlos zurückverfolgen. Seitdem wurde es mehrfach umgebaut, barockisiert, dann die Fassade spätklassizistisch umgestaltet, teilweise unterkellert und in den späten Kriegsjahren das Dach und das dritte Obergeschoss größtenteils zerstört.
All das ist noch erkennbar und soll weiterhin sichtbar bleiben. Die Bauarbeiten, mehr Restaurierung als Renovierung, viel mehr Erhaltung als Umbau, beginnen. Allein das oberste Geschoss und Dach werden wieder hergestellt, der Straßenzug der Damenstiftstraße geschlossen.

»Zimmerer und Maurer ziehen ein« Buch 2




Achtzehn Monate nach Einreichen des Bauantrags und bereits nach elf Monaten Bauzeit ziehen die ersten Mieter ein - auch wenn noch nicht alle Arbeiten im Haus und an der Fassade abgeschlossen sind. Aber unter den Staubschichten werden Proportionen und Details, Farben und Haptik bereits erkennbar. Wenn man Schönheit mit elegant, kohärent, authentisch, ausgewogen und angemessen umschreiben will, dann sollte dies auf das Ergebnis zutreffen: Die Damenstiftstraße 18 wurde weder tot- noch luxussaniert, was der Altbausubstanz und dem Denkmalschutz entgegenkommt und der Nutzung und der Darstellung nach außen angemessen entspricht; erst auf den zweiten Blick erkennt man seine zurückhaltende Erscheinung, und wir haben einen einprägsamen Ort geschaffen, der unverwechselbar, echt und nachvollziehbar geblieben ist.
Weniger wäre nicht möglich und mehr wäre nicht nötig gewesen. Wenn sich die Bewohner hier wohlfühlen, der Bauherr mit dem Aufwand arrangieren und stolz sein kann und die Stadt ein lebendiges Gebäude zurückbekommen hat, dann wurde das Notwendige und das Beste erreicht.

»Schritt für Schritt zu feinen Proportionen« Buch 3